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Kirche und Leute im 3. Jahrhundert

22. April 2012

Gegen das letzte Viertel des 3. Jahrhunderts ist die Kirche in der mediterranen Welt ein Teil der Landschaft, wenn nicht sogar Teil des urbanen Establishments, geworden. Die damaligen Christen wurden als eigene Gemeinde, mit ihren eigenen Institutionen und Führern angesehen. Nichtsdestoweniger hing ihre Sicherheit vom Wohlwollen der momentan herrschenden Autoritäten ab. Wie waren unsere Geschwister damals organisiert? Wie sahen sie ihre Pflichten gegenüber Gott und ihren Nachbarn? Wie haben sie sich literarisch und künstlerisch ausgedrückt? Und das wichtigste: Was können wir im Jahr 2012 AD von ihnen lernen?

AUTORITÄT UND KIRCHENORDNUNG

Eine der interessantesten überlebenden Dokumente des späten 3. Jahrhunderts ist der Brief der Synode von Antiochia (268 AD), welcher Paul von Samosata endlich verurteilte. Er wirft Licht auf die Frage der Autorität und Rangordnung. Der Brief erzählt, wie diesem Konzil „Bischöfe, Presbyter und Diakone der benachbarten Städte und Provinzen beiwohnten“, und dass es seine Entscheidung „dem Dionysius und Maximus und allen unseren Gehilfen auf dem Erdkreise, den Bischöfen und Priestern und Diakonen, und der ganzen katholischen Kirche unter dem Himmel“ kundtat [1]. Es sei darauf hingewiesen, dass dieser Brief zuerst an den heiligen Papst Dionysius (260-268 AD) adressiert ist. Doch dazu später mehr.
Prüfungen der Orthodoxie befanden sich in gesammelten Dokumenten. Die Glaubensbekenntnisse der Alte Kirche kombinierten die christologischen Bejahungen der Regula fidei mit den formellen Befragung der Konvertiten bei der Taufe. Gegen Mitte des 3. Jahrhunderts hatten viele grosse Gemeinden ihre eigenen Glaubensbekenntnisse. Diese wurden immer häufiger als Orthodoxie-Tests verwendet, wo Abweichung vermutet wurde. So schrieb Origenes diese fantastischen Zeilen in der Vorrede seiner De principiis [2]:

Beispiele der erstern Gattung, die nach der apostolischen Lehre als entschieden vorgetragen werden, sind folgende:
Daß Ein Gott sey, der Alles erschaffen und geordnet, und aus dem Nichtseyn Alles in das Daseyn gerufen hat: Gott, der von der ersten Erschaffung und Ordnung der Welt der Gott aller Gerechten war, Adams, Abels, Seths, Enos, Enochs, Noah’s, Sem’s, Abrahams, Isaaks, Jakobs, der zwölf Erzväter, des Moses und der Propheten; und daß dieser Gott in den letzten Tagen, wie er durch seine Propheten vorher verheißen hatte, unsern Herrn, Jesum Christum gesandt habe, zunächst um Israel, dann aber nach der Untreue des israelitischen Volkes auch die Heiden zu berufen. Dieser gerechte Gott und gute Vater unsers Herrn Jesu Christi hat selbst das Gesetz, die Propheten und die Evangelien gegeben, insofern er Gott der Apostel, und des Alten und Neuen Bundes Gott ist.
Daß eben dieser Jesus Christus, der gekommen ist, vor aller Erschaffung aus dem Vater geboren sey. Nachdem er dem Vater bei der Weltschöpfung gedient, hat er in den letzten Tagen sich selbst erniedrigt und ist Mensch geworden im Fleische, obgleich er Gott war, und auch der Menschgewordene blieb, was er als Gott war. Er nahm einen Leib an, dem unserm ähnlich, bloß darin verschieden, daß er von einer Jungfrau und aus dem heiligen Geiste geboren war.
Daß dieser Jesus in Wahrheit geboren worden und gelitten habe, und nicht bloß zum Scheine, sondern in der That eines wirklichen Todes gestorben sey. Denn er ist wahrhaftig von den Todten auferstanden und nach der Auferstehung mit seinen Jüngern umgegangen, und dann erst erhöhet worden.
Zudem hat man dem Vater und Sohn auch noch den heiligen Geist an Ehre und Würde gleichgestellt. […]
Ferner wird gelehrt: daß die Seele, nachdem sie aus der Welt geschieden, ihr eigenthümliches Wesen und Leben beibehalten und ihrem Verdienste gemäß werde belohnt werden; und zwar soll sie ewiges Leben und Seligkeit erlangen, wenn ihre Handlungen dieses gestatten: oder dem ewigen Feuer und den Strafen anheimfallen, wenn ihrer Sünden Schuld sie dazu verdammt. Daß aber auch eine Zeit der Todtenerweckung erscheinen werde, da eben dieser Körper, der in Verwesung gesäet, unverweslich auferstehen wird (1. Kor. 15, 42.).
Auch das ist nach der Kirchenlehre gewiß, daß jede vernünftige Seele freie Willensbestimmung habe, und in einem Kampfe mit dem Teufel und seinen Dienern und andern feindlichen Mächten begriffen sey, weil diese sie in Sünden verwickeln wollen, wir dagegen uns von dieser Last zu befreien streben. Eine deutliche Folge hievon ist, daß wir nicht einer Nothwendigkeit unterworfen sind, die uns immerhin wider unsern Willen zwänge, Gutes oder Böses zu thun. […]

Scheint mir, als hätten Luther, Zwingli und Calvin niemals einen Blick in diese Vorrede geworfen (Oder doch? Weiss das jemand?).

Rom

Wie der Brief der Synode von Antiochia zeigt, bestand damals schon eine Rangordnung innerhalb der Kirche. Rom wurde sowohl im Westen, als auch im Osten als die höchste Diözese angesehen. Im Westen wurde die Schrift generell wörtlich genommen – so auch Matthäus 16,18. Der Osten hingegen betrachtete die Schrift aus einem weitaus allegorischeren Blickwinkel und interpretierte an Petri Stelle, „die Kirche“ oder „die Gläubigen“. So schrieb auch Origenes über Matthäus 16,18, dass „der Fels“ jeder Nachfolger Christi.

In Rom selbst konsolidierte sich die Autorität über die christliche Gemeinde. Dem heilige Papst Fabian (236-250 AD) wird zugesprochen, dass er der Stadt sieben Diakone und sieben Subdiakone zugewiesen hat. Unter Dionyssiu wurde die Stadt in sieben Gemeinden unter deren eigenen Presbytern eingeteilt. Seit Fabian, wurde der Jahrestag der Inthronisation des Papstes mit einem Fest gedacht. Während all diesen Jahren wurden immer neue Katakomben und Kirchen gebaut, so dass man davon ausgeht, dass es gegen Ende des Jahrhunderts in Rom nicht weniger als 40 Kirchen gab! Ausserhalb der Stadtgrenzen hat der Heilige Stuhl Ländereien (fundi) akquiriert.

BISCHÖFE UND KLERUS

Der Bischof wurde durch den Klerus und mit Zustimmung des Volkes gewählt. Cyprian beschreibt diese Prozedur und erklärt, dass die Würdigkeit des Cornelius durch die zusammengekommenen Bischöfe, alle Mitpriestern und die Stimmen des Volkes attestiert wurde [3]. Einmal im Amt, war die Autorität des Bischofs praktisch unanfechtbar. Er war der Hohepriester (sacerdos in Nordafrika), Nachfolger der Apostel und mit apostolischen Kräften ausgestattet [4].

Neben dem Vorsitz über die Liturgie, der Ordination des Klerus und dem Predigen, war das Leben eines 3. Jahrhunder-Bischofs ein ziemlich geschäftiges. Die Briefe des Dionysius von Alexandria zeigen eine stete Abfolge von Verhandlungen mit Autoritäten, Organisation der Wohlfahrt, theologischer Debatten, Disziplinierungen von fehlgeleiteten Untergebenen, sowie der Beziehung zu anderen Bischofsitzen. Ihre Kirchen wurden zu wichtigen Wohlfahrtsinstitutionen mit Gebäuden und Ländereien, die unterhalten werden mochten.

Papst Cornelius schrieb, dass es seine erste Pflicht war, Gelder aufzutreiben, um den Armen zu helfen. Danach kam die Bewirtung von Reisenden und Flüchtlingen. Ebenso trat die Kirche als Treuhänderin für Witwen ein und kümmerte sich um Waisen. Cyprian verglich die Lage des Klerus mit jener der Leviten des alten Israel. Sie waren ein hervorgehobenes Volk [5]. Sie durften sich nicht weltlichen Geschäften zuwenden und mussten allein auf den Zehnten angewiesen sein. Und so ist es auch in der Kirche gewesen. Monatliche Zahlungen der Gläubigen, welche vielleicht auf dem Zehnten basierten, waren die normale Form des Lohn innerhalb der Kirche.

Liturgie

In griechisch sprechenden Gemeinden scheint sich die Eucharistie innerhalb der ersten Hälfte des Jahrhunderts ziemlich ähnlich zur späteren Form entwickelt zu haben. Origenes schreibt, dass es zwei Teile des Gottesdienstes gab und nahm somit schonmal die „Messe der Katechumen“ und die „Messe der Gläubigen“ vorweg. Während diesen Liturgien gab es Gebete und Lesungen, gefolgt von einer sich darauf beziehende Predigt.

Die Predigt markierte das Ende der „Messe für die Katechumen“. Diese und die Büsser würden dann den Raum verlassen, die Türen würden geschlossen werden und die Feier der Eucharistie würde beginnen. Hierzu schreibt Cyprian in einem seiner Briefe etwas, das die protestantische Irrlehre des „Gedächtnismals“ in klaren Worten aufzeigt:

Denn wenn Christus Jesus, unser Herr und Gott, selbst der höchste Priester Gottes, des Vaters, ist und sich selber dem Vater als Opfer dargebracht und geboten hat, daß dies zu seinem Gedächtnis geschehe, so vertritt doch sicherlich nur jener Priester in Wahrheit Christi Stelle, der das, was Christus getan hat, nachahmt, und er bringt in der Kirche Gott, dem Vater, ein wahres und vollkommenes Opfer nur dann dar, wenn er es in der Weise tut, wie er sieht, daß Christus selbst es dargebracht hat.

Teil der Liturgie, wenn auch nicht der Messe, war das sogenannte Agapemahl. Diese überlebte im Westen noch bis ins 3. Jahrhundert und behielt sogar seinen primitiven Charater eines gemeinschaftlichen Mahls. Tertullian beschreibt, wie alle, reich und arm, mitmachten [6].

Das Busssystem

Vor der Decianischen Verfolgung konzentrierte man sich auf die Fähigkeit der Kirche Götzendienst, Blutvergiessen und Ehebruch zu vergeben. Die Handlungen der Busse leiteten sich von Numeri 19,7 ab und wurde durch Referenzen auf die Prophezeiungen über die letzten Tage (Fasten, Weinen und Klagen; Joel 2,12) gestärkt. Die Büsser wurden somit in Sackleinen gekleidet und unterzogen sich striktem Fasten, bekannter der Öffentlichkeit ihre Sünden, und lagen den Presbytern, um Vergebung bittend, zu Füssen.

[1]   Eusebius von Caesarea, Historia Ecclesiastica, VII.30
[2]   Origenes, De principii, Vorrede 2-8
[3]   Cyprian von Karthago, Briefe LV.8
[4]   Cyprian von Karthago, Briefe XLV.3
[5]   Cyprian von Karthago, Briefe I
[6]   Tertullian, Apologeticum XXXIX
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