von Samuel T. Logan Jr.
Was ist der Unterschied zwischen den Pilgervätern und den Puritanern? Sind das alles die selben Leute? Wann haben sich die beiden Gruppen formiert? Und weshalb haben sie sich zu verschiedenen religiösen Gruppen entwickelt? Exzellente Fragen, jede von ihnen!
Um all die obigen Fragen zu beantworten, ist das Jahr 1517 ausschlaggebend.
Der bekannteste Grund hierfür: im Oktober 1517 schlägt Martin Luther seine theologischen Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Aber das Jahr 1517 ist auch noch aus einem anderen Grund ein kritisches Jahr. Denn in diesem Jahr wurde John Foxe im englischen Boston, an dem Ort, wo jetzt das Pub Martha’s Vineyard steht, geboren. Um ein bisschen vorzugreifen, sei an dieser Stelle erwähnt, dass John Bunyan, der Autor der Pilgerreise, einst sagte, dass etwas das John Foxe getan hat, mehr als irgendeine andere menschliche Handlung, zum Aufstieg und zur Blüte des Puritanismus führte.
Schon im Jahr 1526 wurden in der White Horse Taverne in Cambridge regelmäßige (eher umstürzlerische) Diskussionen geführt. Unter den Teilnehmern waren spätere Koryphäen wie Thomas Bilney, Hugh Latimer, Nicolas Ridley und Thomas Cranmer. Jeder einzelne von diesen vieren starb später den Märtyrertod.
Zwischenzeitlich erlebte Heinrich VIII. in den späten 1520er und frühen 1530er Jahren eheliche und politische Schwierigkeiten, so dass er 1533 darauf drang, dass die Versammlung von Canterbury seine Ehe mit Katharina von Aragón für aufgehoben erklären sollte. Im folgenden Jahr ließ Heinrich sich vom englischen Parlament als höchstes Oberhaupt der Kirche von England erklären, und somit alle Beziehungen mit der Römischen Kirche abbrechen.
Während Heinrich kein besonderes Interesse daran hatte, die Theologie der Kirche zu reformieren, sahen diejenigen die sich im White Horse getroffen hatten (sowie viele ihrer Kollegen und Unterstützer), dieses Ereignis als eine Gelegenheit des Herrn an. Vielleicht könnte die Schrift allein jetzt zum echten Fundament der Kirche und der Nation werden.
Solche Hoffnungen fanden wenig königliche Unterstützung zu Heinrichs Lebenszeit, aber als der König 1547 starb, bestieg sein neunjähriger Sohn Eduard VI. offiziell den Thron und regierte hauptsächlich durch Regenten, welche beide (zuerst der Herzog von Somerset und dann der Herzog von Northumberland) mehr mit der Vision sympathisierten, welche die White Horse Diskussionen erleuchteten. Der Anstoß für die Reinigung von Kirche und Staat gewann in England zwischen 1547 und dem Tod Eduards im Jahr 1553 eine große Eigendynamik.
Aber die nächste Tudor auf dem Thron war Maria I. Tudor, oder unter späteren Generationen besser bekannt als „Bloody Mary.” Maria wollte nichts mehr, als die Rückkehr „ihres” Landes in die Römisch-Katholische Herde, koste es was es wolle.
Zwischen 1553 und 1558 überschwemmten protestantische Flüchtlinge Europa in der Hoffnung Marias Schwert zu entkommen indem sie sich in protestantischen Bastionen wie Genf oder Frankfurt scharten. In das letztgenannte kam der 38-jährige John Foxe. Foxe entwickelte eine kraftvolle Vision davon wie England sein könnte, wenn nur Gottes Wort völlig und ehrlich befolgt werden würde.
Marias Tod im Jahr 1558 und die Thronbesteigung Marias protestantischer Schwester Elisabeth I. kehrten den früheren Strom um, und schickten Engländer und Engländerinnen scharenweise Heim. Die Saat welche zum Puritanismus wurde erhielt einen großen Schuss theologischen Dünger durch den Stift John Foxes.
Während Marias Herrschaft starben hunderte für ihren Glauben. Würden die Menschen Englands diese Toten ehren, indem sie diese fantastische Gelegenheit, die der Herr England gegeben hat, anpacken und Maria absetzen und sie dafür durch Elisabeth ersetzen?
Würde das englische Volk nun darauf bestehen, dass ihre Kirche und ihr Staat restlos von allen nicht-biblischen Elementen gereinigt wird, so dass beide Institutionen (und alle Menschen darin) Gott dem Herrn der Schrift auf einzigartige Weise Ehre erweisen mögen?
Dies waren die Fragen, die in Foxes monumentalem Werk, welches wir unter dem Namen The Book of Martyrs (Das Buch der Märtyrer) kennen, gestellt wurden. Es wurde das erste Mal im Jahr 1563 veröffentlicht und war eine heftige Darstellung der Qualen, die von marianischen Märtyrern erleidet wurden. Gleichermaßen war es ein Fanfarenstoß dazu, sowohl die Nation, als auch die Kirche Englands in vollständige Übereinstimmung mit dem Wort Gottes zu bringen.
Viele von jenen, die den in der White Horse Taverne genährten Traum teilten, waren ergriffen von Foxes Aussagen über Gottes Erwartungen von seinem Volk und bestanden mit ständig steigendem Eifer darauf, dass sowohl ihre königlichen, als auch ihre kirchlichen Oberhäupter alle englischen Angelegenheiten sola Scriptura regeln sollen, allein nach der Schrift.
Königin Elisabeth I. sah die Dinge jedoch anders. Ihre Vision war eine von politischer Stabilität und Ordnung. Elisabeth hatte kein Interesse an irgendeiner Form von Extremismus, vor allem nicht an der Art von religiösem Extremismus welchen die religiösen Erben der White Horse Diskussionsteilnehmer ihr zu vertreten schienen.
England (einschließlich der Kirche Englands) sollte, in der Ansicht Elisabeths, umfassend und inklusiv sein, und sollte sein tägliches Leben sowohl auf Tradition und Vernunft, als auch auf den Lehren der Schrift gründen.
Somit haben sich in England um das Jahr 1570 zwei Parteien entwickelt – 1) jene, die dieses eher rationalistische Verständnis von Kirche und Staat bevorzugten, und 2) jene, die weiter darauf bestanden, dass diese beiden Gebilde gemäß der Schrift weitere Reinigung benötigten, und dass England diese von John Foxe so brillant beschriebene geistige Gelegenheit jetzt nutzen muss. Und es war inmitten dieses Meinungsstreits, als der Begriff „Puritaner” regelmäßig durch die erste Gruppe als ein verächtliches Beiwort benutzt wurde, um die zweite Gruppe anzugreifen.
Die 1570er Jahre sahen die Verschärfung dieses Konfliktes mit wenig „Fortschritt”, zumindest aus der Sicht der Puritaner. Tatsächlich sah es mit der Entlassung von Thomas Cartwright aus seiner Lehrstelle in Cambridge wegen Verbreitung der presbyterianischen Irrlehre für manche Puritaner so aus, als ob die Sache verloren sei, und diese Auffassung führte zum ersten großen Riss in der puritanischen Bewegung.
Wie der Anstoß zum Puritanismus hauptsächlich mit Foxes Book of Martyrs in Verbindung gebracht werden könnte (obwohl er dem Buch eigentlich vorausging), so könnte auch die Gesinnung der „Pilgerväter” entsprechend auf Robert Brownes erstmals 1580 veröffentlichtes Buch, Reformation Without Tarrying for Anie, zurückgeführt werden. Browne könnte als desillusionierter Puritaner bezeichnet werden. Er teilte die Vision in Foxes Werk, aber nach mehr als einem Jahrzehnt des Strebens nach einer Erweckung innerhalb der Kirche Englands, kam er zu der Erkenntnis, dass sie einfach nicht stattfinden wird. Browne „trennte sich” von der Kirche Englands und gründete 1581 zusammen mit dem gleich gesinnten Robert Harrison seine eigene Gemeinde in Norwich.
Somit war die „Separatisten”-Bewegung gegründet, eine Bewegung die später solche Führer wie John Smyth (welchen manche als den Vater der englischen Baptisten betrachten), John Robinson, William Brewster und William Bradford hervorbrachte. Die letzten drei waren unmittelbar in jener Gruppe von Separatisten beteiligt, welche 1608 von England in die Niederlande aufbrachen, und sich später dazu entschieden in die Neue Welt auszuwandern, wo sie 1620 in Plymouth, Massachusetts landeten.
Viele (wahrscheinlich die meisten) Puritaner zogen es vor in der Kirche Englands zu bleiben und an Reformen zu arbeiten. Und aus dieser Gruppe, brach in den späten 1620er Jahren eine viel größere Gruppe von Emigranten von England nach Neuengland auf, um ihre Kolonie in der Massachusetts Bay zu errichten.
Die Kolonien in Boston und Plymouth waren verschiedene politische und religiöse Gebilde (zumindest bis die englische Regierung sie in den späten 1680er Jahren zusammenlegte) und während die Beziehungen zwischen ihnen in der Regel freundlich waren, waren den Mitgliedern die jeweiligen Unterschiede zwischen ihnen glasklar.
Die „Puritaner” wollten ein Teil des englischen Establishments bleiben und in ihm für biblische Reformen arbeiten. Selbst als sie nach Neuengland auswanderten, bekräftigten sie ihr „Englischsein” und sahen den Hauptgrund ihrer neuen Kolonie als den eines biblischen Zeugnisses, eine „Stadt auf einem Berg” zu sein, welche ein Beispiel der biblischen Rechtschaffenheit in Kirche und Staat für das Alte England und die ganze Welt sein sollte. Als zutiefst verpflichtete Bundestheologen betonten sie vor allem die gemeinsame Rechtschaffenheit ihrer gesamten Gemeinschaft vor Gott.
Die „Pilgerväter” wollten eine „Reformation ohne Zögern” erreichen, selbst wenn das bedeuten würde, dass sie sich von ihrer Kirche und ihrer Nation trennen müssten. Während sie sich immernoch als englisch betrachteten, lag ihr Schwerpunkt auf ihrer neuen politischen und geistigen Identität. Wegen ihres brennenden Hingabe für die Notwendigkeit der sofortigen und kompromisslosen Reformation, legten sie großen Wert auf individuelle Rechtschaffenheit vor Gott.
Was die Massachusetts Bay und Plymouth vereinte, was Puritaner und Pilgerväter vereinte, war viel wichtiger als das was sie unterschied. Alle Kinder der Reformation wussten, dass die Errettung aus der Gnade allein, durch den Glauben allein in Christus allein war. Und sie wusste dies, weil sie die Schrift allein als ihre Autorität nahmen.
Sie alle wussten, dass Gott allein der Ruhm sein muss und sie erstrebten, in ihren unterschiedlichen Ansätzen, jeden Gedanken und jedes religiöse, politische oder sozialen Handeln unter die Herrschaft Jesu zu bringen.
Könnte es heutzutage ein wichtigeres Ziel für amerikanische [Anm.: deutsche, schweizer, österreichische] Christen geben?
[Übersetzt aus dem Tabletalk Magazin: Dr. Samuel T. Logan Jr., "The Pilgrims and Puritans: Total Reformation for the Glory of God," Tabletalk November 1996: 8-10; 52. Mit freundlicher Genehmigung von Ligonier Ministries, Orlando, Florida 32854.]
