Institutio III, Kapitel XXIV
„Denn welche er zuvor ersehen hat, die hat er auch verordnet, daß sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes, auf daß derselbe der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Welche er aber verordnet hat, die hat er auch berufen; welche er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht, welche er aber hat gerecht gemacht, die hat er auch herrlich gemacht.” (Römer 8:29-30). Schon durch Seine Erwählung hatte der Herr die Seinen von Geburt aus angenommen, aber wir sehen dennoch, dass sie in den Besitz eines so herrlichen Gutes erst dann gelangen, wenn sie wiedergeboren werden, andererseits sehen wir auch, dass sie als Wiedergeborene das Teilhaben an Seiner Erwählung bereits genießen. Aus diesem Grund nennt Paulus den Geist, den sie empfangen, den „Geist der (Aufnahme in die) Kindschaft” (Römer 8:15), auch das „Siegel” und das „Pfand” des künftigen Erbes (Epheser 1:13-14; 2. Korinther 1:22. 5:5), weil Gott nämlich durch Sein Zeugnis in ihren Herzen die Gewissheit der zukünftigen Aufnahme in die Kindschaft bekräftigt und versiegelt.
Gott unterweist seine Auserwählten in wirksamer Kraft, um sie zum Glauben zu bringen, wir wir es aus Christi Munde haben: „Nicht daß jemand den Vater habe gesehen, außer dem, der vom Vater ist; der hat den Vater gesehen.” (Johannes 6:46). Später heißt es: „Ich habe deinen Namen offenbart den Menschen, die du mir von der Welt gegeben hast.” (Johnnes 17:6), oder auch „Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater” (Johannes 6:44). Was bedeutet dies nun? Es bedeutet doch nur eines: es gibt niemanden, der aufgrund der Entscheidung des Vaters vom Vater hört und lernt – und der nicht zu ihm kommt! Wenn nämlich jeder, der es vom Vater gehört hat und lernt, auch kommt, so ist es sicher: wer nicht kommt, der hat es auch nicht vom Vater gehört und nicht gelernt – denn wenn er es gehört und gelernt hätte, dann käme er auch. Denn Gott erbarmt sich nun, wem er will, und verstockt, wen er will (Römer 9:18).Zu seinen Kindern bestimmt er also die, welche er erwählt hat, und nur ihnen gibt er sich selbst zum Vater. Indem er sie dann beruft, nimmt er sie in seine Gemeinschaft auf und eint sich selbst mit ihnen, so dass sie miteinander eins sind. Wenn aber nun die Berufung an die Erwählung gebunden ist ist, so gibt die Bibel auf diese Weise zu verstehen, dass in ihr nichts zu finden ist als Gottes gnädiges Erbarmen. Denn wenn wir nun fragen, welche Menschen er beruft und aus welchen Gründen er das tut, so antwortet sie: er beruft die, welche er erwählt hat! Kommt man aber auf die Erwählung, so wird dabei allein Barmherzigkeit sichtbar. Und deshalb hat hier in Wahrheit das Wort des Paulus seinen Platz: „So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.” (Römer 9:16).
Um unsere Zuversicht noch zu bekräftigen, kommt nun die Beständigkeit der Erwählung hinzu. Denn die Menschen, welche Christus erleuchtet und in den Schoß seiner (unsichtbaren) Kirche aufgenommen hat, die nimmt er auch, wie es von ihm heißt, in seine Treue und in seine Obhut. Und von allen die er angenommen hat wird gesagt, dass sie ihm vom Vater anvertraut und anbefohlen sind, um zum ewigen Leben bewahrt zu werden (Johannes 6:37.39; 17:6.12). Was wollen wir denn mehr? Wollen wir also wissen, ob Gott unser Heil am Herzen liegt, so müssen wir fragen ob er es Christus anbefohlen hat. Denn ihn hat er als den alleinigen Seligmacher all der Seinen eingesetzt. Was aber nun, wenn wir zweifeln, ob wir auch von Christus in seine Treue und Obhut aufgenommen sind? Er sagt doch ganz klar, dass er sich aus freien Stücken als unser Hirte anbietet und tut uns kund, dass wir in die Zahl seiner Schafe eingereiht werden, wenn wir seine Stimme hören (Johannes 10:3).
Dass die Lehre der Prädestination Unbehagen, oder gar Furcht und Ablehnung hervorruft ist verständlich. Nimmt sie uns in unserem menschlichen Stolz doch jegliche Chance uns Gott als rechtschaffend zu erweisen, und gibt stattdessen alle Ehre an den Vater – und schließlich geht es dabei um unsere Ewigkeit! Denn wie Paulus lehrt, es würden nur die berufen, die zuvor erwählt sind (Römer 8:30), so zeigt doch Christus, dass zwar viele berufen, aber nur wenige auserwählt sind (Matthäus 22:14). Der große George Whitefield hat in einer Predigt in London einmal folgendes gesagt:
Von Natur aus sind wir alle Arminianer und Papisten [Anm.: Anhänger der römischen Kirche], denn so sagt man, ‘Der Arminianismus führt zurück zum Papismus [Anm.: Papsttum]‘. Und hier wage ich zu behaupten, dass wenn wir die Lehre der uns zugesprochenen Rechtschaffenheit bestreiten – wie auch immer wir uns dann auch nennen mögen – dann in unserem Herzen in Wirklichkeit Papisten sind und es nicht verdienen, anders genannt zu werden.
Ja, Paulus warnt auch selbst an einer anderen Stelle vor dieser trügerischen Sicherheit: „Darum, wer sich läßt dünken, er stehe, mag wohl zusehen, daß er nicht falle.” (1. Korinther 10:12). Oder ebenso: „Du stehst aber durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich.” (Römer 11:20). Wichtig ist hierbei zu betonen, dass Paulus die Christen nicht einfach vor Sicherheit schlechthin warnt, sondern vor jener lässigen, ungebundenen Sicherheit des Fleisches, die Aufgeblasenheit, Anmaßung und Verachtung der anderen mit sich bringt, die die Demut und Ehrerbietung vor Gott auslöscht, und die den Menschen dazu bringt, die empfangene Gnade zu vergessen! Und schlussendlich lehrt uns die Erfahrung selbst, dass Berufung und Glaube wenig Wert haben, wenn nicht die Beharrung hinzukommt, welche nicht allen zuteil wird.

Und immerhin werde ich versuchen aufzustehen (1. Korinther 10:12) obwohl ich mir bewußt bin das ich die Gnade nicht verdient habe sondern geschenkt bekomme. Wie weit ich, oder wir als Christen auf trügerische Sicherheiten ausruhen, muß man immer überdenken und wieder neu die oben angesprochene Gnade bewußt empfangen…