Institutio III, Kapitel XX
Im ‘Unser Vater’ beten wir „Dein Reich komme”. Aber was ist dieses Reich? Gott herrscht dort, wo die Menschen sich selbst verleugnen, zugleich die Welt und das irdische Leben verachten und sich damit seiner Gerechtigkeit hingeben, um nach dem himmlischen Leben zu trachten. Dieses Reich hat nun zwei Aspekte:
- dass Gott alle körperlichen Begierden durch die Kraft seines Geistes dämpft,
- dass er unsere Sinne gehorsam für seinen Befehl macht.
Somit mache jeder den Anfang bei sich selbst und töte die Sünde in sich ab, um sich von allen Verderbnissen zu reinigen, die die Reinheit des Reiches Gottes beflecken. Gleichzeitig trägt uns das ‘Unser Vater’ auf, darum zu beten, dass Gott die Sinne und Herzen aller Menschen dem freiwilligen Gehorsam gegenüber Seinem Wort unterwerfe. Dies geschieht allein durch das Wirken des Heiligen Geistes, wo dieser dem gehörten oder gelesenen Wort Wirkung verschafft. Das bedeutet natürlich auch, dass wir uns den Gottlosen zuwenden und sie über Gottes Herrschaft, ihren Fall und ihren Erlöser aufklären. Gott richtet so, schon seit dem Ersten Kommen Christi, sein Reich auf Erden auf, indem er die ganze Welt demütigt. Dies geschieht auf verschiedene Weise:
- Gott dämpft die Ausgelassenheit der einen,
- das zügellose Leben der anderen zerbricht er.
Wir sollen wünschen, daß dies Tag für Tag geschehe, damit Gott seine Kirche aus allen Orten der Welt versammle, sie der Zahl nach ausbreite und wachsen lasse, sie mit seinen Gütern reich mache, in ihr die rechte Ordnung aufrichte, auf der anderen Seite alle Feinde der reinen Lehre und Religion zu Boden werfe, ihre Pläne zunichte mache und ihre Anschläge verstöre!
Wann und wie ist nun zu beten? Zwar hat Calvin gesagt, dass wir allezeit unsere Herzen zu Gott erheben, allezeit zu Ihm seufzen und ohne Unterlass beten sollen, aber sind wir doch so schwach, dass wir mit viel Beistand unterstützt werden müssen. Deshalb sollte jeder von uns zu seiner Übung bestimmte Stunden festlegen, in denen er sich mit all seinem Herzen dem Gebet widmet. Das sollte geschehen:
- wenn wir morgens aufstehen,
- bevor wir zur Arbeit gehen,
- wenn wir durch Gottes Segen unser Essen haben genießen dürfen
- und zum Schluss, bevor wir schlafen gehen.
Das soll uns aber kein abergläubisches Einhalten von bestimmten Riten sein, wie sie etwa im Katholizismus oder im Islam zu finden sind, bei denen wir quasi Gott das schuldige Maß darbringen und dann meinen, für die restliche Zeit von jeglicher Pflicht befreit zu sein. Nein, es soll uns lediglich konditionieren, es soll eine Zucht für unsere Schwäche sein, es soll uns trainieren und immer wieder anspornen. Vor allem müssen wir stets darauf achten, dass wir, sooft wir selbst von irgendwelchen Nöten bedrückt werden oder andere bedrückt sehen, bei Gott Zuflucht suchen – „nicht eilenden Fußes, sondern eilenden Herzens”! Auch sollen wir niemals einen glücklichen Augenblick vergehen lassen, ohne dem Herrn durch Lobpreis und Danksagung zu bezeugen, dass wir darin sein Tun erkennen. Und schließlich sollen wir bei allem Beten fleißig darauf achten, dass wir nicht etwa weltliche Dinge begehren und Gott dazu degradieren, uns unsere Wünsche zu erfüllen – Er wird dies in den allerwenigsten Fällen tun. Wir werden ja auch durch das Gebet des Herrn gelehrt, dass Ihm keine Gesetze zu machen und keine Bedingungen aufzuerlegen sind, sondern dass es Seinem Ermessen überlassen ist, das, was Er tun will, auf die Art, zu der Zeit und an dem Ort zu tun, die Ihm richtig erscheinen. Bevor wir also irgendeine Bitte für uns selber aussprechen, sollen wir zuvor bitten: „Dein Wille geschehe”. Damit unterwerfen wir unseren Willen dem Seinigen und helfen ihm, Gott als Richter und Lenker aller eigenen Wünsche anzuerkennt.
