Institutio III, Kapitel X, Absatz 6
Als mich ein guter Freund – leider ist er nicht errettet – letztes Jahr hier in London besuchte, kamen wir auf meinen Glauben zu sprechen. „Ach du bist Calvinist? Das sind doch die Puritaner gewesen, die immer strebsam gearbeitet haben und weltlichen Wohlstand als Zeichen von Gottes Wohlwollen betrachtet haben, oder? Die haben das Fundament für den Kapitalismus geschaffen.” Ich habe damals darüber lachen müssen, denn ich habe Max Weber ebenfalls gelesen und kenne seine Theorie von der calvinistischen innerweltlichen Askese. Das Buch habe ich in einem früheren Beitrag schon empfohlen. Doch habe ich mich seit letzten Sommer immer gefragt, ob Calvin selbst in den Institutio irgendeinen Ansatzpunkt für Webers Theorie gebracht hat oder ob diese Ethos lediglich über die Zeit hin enstanden ist. In Buch III, Kapitel X werden wir unter Absatz 6 fündig:
Es ist wichtig für uns zu beachten, dass der Herr jedem einzelnen von uns befiehlt, bei allem Tun und Lassen auf seinen Beruf zu achten. Denn er wusste ja schon vor Anbeginn der Welt, wieviel Leichtfertigkeit uns Menschen hin- und hertreibt und wie gierig unser Ehrgeiz ist. Und damit keiner von uns unbedacht seine Grenzen überschreitet, hat er uns Berufe zugeordnet. Für jeden einzelnen von uns – damit wir nicht unser Leben lang umgetrieben werden. Charles Spurgeon hat diesbezüglich einmal gesagt: „Einige Versuchungen nahen sich den Fleißigen, aber alle Versuchungen greifen die Faulen an.”
Die Hauptsache, so Calvin, ist, wenn wir wissen, dass die Berufung des Herrn der Ausgangspunkt und die Grundlage für alles rechte Handeln ist. Wer sich nicht danach richtet, der wird in seinen Pflichten niemals den rechten Weg gehen. Ein solcher Mensch mag wohl vielleicht etwas vollbringen, das dem Anschein nach löblich ist. Aber ganz egal, wie es in den Augen anderer Menschen auch aussehen mag, vor Gottes Thron wird es verworfen werden. Deshalb wird unser Leben am richtigsten gestaltet werden, wenn wir es nach diesem Gesichtspunkt richten. Wenn wir das tun, zu was uns der Herr vorgesehen hat, so haben wir alle Hilfe, die wir benötigen. Ist jemand z.B. ein Familienvater, so wird er seiner Pflicht fleißig nachkommen – und es wird jeder Unannehmlichkeiten, Sorgen, Verdruss und Ängste ertragen und herunterschlucken, wenn er gewiss sein darf, dass jedem von uns seine persönliche Last von Gott auferlegt ist.
Daraus entspringt dann auch ein herrlicher Trost: denn wenn wir nur unserem Beruf gehorchen, so wird kein Werk so unansehnlich und gering sein, daß es nicht vor Gott leuchtet und für sehr köstlich gehalten wird!
